Mahlwahn

mahlenundbacken005„Aus Körnern mahlt der Müller Mehl der Bäcker backt das Brot gutes Brot und feines Brot, schwarzes Brot und weißes Brot, Brezeln, Semmeln, Kuchen.“

So heißt es in unserem Erntelied und deshalb wollten die Kinder in diesem Jahr Brezeln backen. Dazu brauchte es aber Mehl und woher kommt das?
Letzte Woche erweiterte sich unser Maltisch zu einem Mahltisch und die Kinder verfielen regelrecht in einen Mahlwahn. Am ersten und zweiten Tag waren sie noch ganz aufgeregt, um auch ja nichts zu verpassen und alles ausprobieren zu können. Vom Mehl mahlen bis zum Teig kneten hätten am liebsten alle alles gemacht. Am 3. Tag hatten sich die Techniken langsam eingespielt und wurden von den Kindern nach und nach verfeinert. Durch ihr Ausprobieren entwickelten sie „die Mehlstraße“ d.h. sie kippten das gemahlene Mehl immer wieder in eine andere Mühle, um es da noch mal durchzudrehen. Dabei fanden sie heraus, das es dadurch immer feiner wurde. Bei Kindern heißt das dann: „Wir haben gemühlt und dann hat es sich vermehlt!“ Immerhin waren sie mit solch einer Begeisterung dabei, dass sie am Ende der Woche eine Menge von 2,5 kg erarbeitet hatten – wow!. Wir stellen immer wieder fest, das Geräte die sich bewegen lassen und etwas bewirken können, eine große Faszination auf Kinder ausüben.

Dieses Jahr fanden sie das erst mal heraus, das zwei Steinplatten, die man aneinanderreibt wesentlich effektiver, leichter und feiner mahlen als die faustgroßen „Kieselsteine“, mit denen wir sonst immer gearbeitet haben. Sie stellten auch fest, das zu Hause der Teig mit einem elektrischen Rührgerät geknetet wird und warum es keinen Sinn machen würde eines in den Wald mitzubringen – fehlt ja die Steckdose! Aber Hände sind ja ein Wunderwerkzeug und ursprünglich nicht nur zum Knöpfe drücken konzipiert. Wenn man sie richtig zu nutzen weiß, kann man viel mehr mit ihnen bewirken.

Bei all diesen Prozessen wurde die Selbstwirksamkeit deutlich. d.h. die Kinder merkten, das sie mit ihrem Tun etwas bewirken können. Ein wichtiges pädagogisches Ziel, das ermutigt, motiviert Dinge anzugehen, auszuprobieren, zum Forschen anregt, Lernerfahrungen machen läßt und das Selbstwertgefühl stärkt.

Dadurch, das die Kinder  SELBST etwas tun, bekommen sie ein Gefühl für den WERT der Dinge. Sie konnten eine WERTvolle Arbeit SELBST tun und das gibt Selbst-wert-gefühl. Das ist jetzt meine Interpretation, jedoch abgesehen von der Tatsache, das ein bißchen viel Selbst drin vorkommt überzeugt es mich.
Beim Mahlen erstaunte uns die unglaubliche Ausdauer einiger Kinder, die zum Teil über eine Stunde entweder an den Mahlsteinen oder an den Mühlen arbeiteten. Diese Arbeit erfordert viel Kraft, Koordination und Geschick. Bei den Mühlen mussten sich viele Kinder sich Unterstützung von anderen Kindern holen, weil es für sie allein zu schwer war, die Mühle fest zu halten und gleichzeitig zu drehen. So entstanden ganz von selbst viele Kooperationen untereinander. Anfangs arbeiteten zwei Produktionsgruppen nebeneinander her: die Steinmahler und die Mühlenmahler. Mit der Zeit entwickelten die besonders ausdauernden Kinder ganz von selbst eine Produktionsgemeinschaft. Da gaben die Steinmahler ihr grob gemahlenes Mehl an die Mühlenmahler weiter, die es nach ihren Worten „kleiner“ machten und gleichzeitig merkten, das „kleineres“ Mehl sich leichter mahlen lies. Wir fanden dann gemeinsam heraus, das in diesem Fall kleiner auch feiner bedeutet. Ansonsten hatten in diesem Jahr eindeutig die „Doppelsteinplattenmahler“ die feinste Mehlproduktionsweise entdeckt.

So wurde es uns an diesem regnerische Tag nie kalt. Mit unserer Energie erzeugten wir Antrieb, der wiederum neben dem verwandeln der Körner in Mehl Wärme in uns erzeugte. Energie geht ja bekanntlich nicht verloren. Ihr seht also, neben all den physikalischen Gesetzmäßigkeiten die Kinder hier spielerisch erfahren, lernen sie noch viel über Sozialverhalten (Zusammenhelfen), ihre Sinne werden angeregt (denn ein Teil des Mehles wurde sicherlich beim Arbeiten „genascht“), Fein – und Grobmotorik, Koordination, Kooperation, Warten bis man dran kommt, Mengen, Sprache (kleiner, feiner), erfassen von Zusammenhängen und Naturkreisläufen……

Besonders freue ich mich immer, über die eigenen Entdeckungen der Kinder, wie die „Produktionsgemeinschaft“ vom groben zum feinen Korn. Dies entsteht meist dann, wenn Kinder Handlungsspielraum haben und experimentieren dürfen. Sie hilft den Kindern besser Zusammenhänge zu verstehen.

Piaget einer unserer bekanntesten Entwicklungspsychologen erklärte einmal:

„Das tiefgreifenste Lernen erfährt man durch das praktische Tun und gleichzeitiger Anregung der Sinne.“
All das hat hier sattgefunden bei einer ganz alltäglichen Handlung. Mit viel Begeisterung, sonst wären die Kinder nicht so lange drangeblieben. Das Ergebnis konntet ihr letzten Freitag selbst probieren. Diesmal wollten die Kinder kein Brot, denn in dem Lied hieß es ja Brezeln, Semmeln, Kuchen und sie wussten genau – diesmal sollten es Brezeln sein. Hatten wir noch nie, aber kleine Wunder erledigen erfahrene Erzieherinnen mit links. Weil die Kinder so viel Freude an der Mehlproduktion hatten, haben wir beschlossen, in der nächsten Zeit das restliche Mehl bis zum Advent weiter „mühlen und vermehlen“ zu lassen, um es dann zur Plätzchenproduktion zu verwenden.

Leave A Comment...

*